Die Beziehungsebene

"Vertrauen ist die Bereitschaft, das Risiko einzugehen,
dem Anderen gute Absicht zu unterstellen"

(Niklas Luhmann)


Viele Eltern fragen mich:
Was meinen Sie eigentlich mit „Beziehungsebene“?

Nachfolgend wird erklärt, was mit Beziehungsebene gemeint ist und warum es so bedeutsam ist, auf der Beziehungsebene zu handeln, zu reden oder zu arbeiten.

Die Beziehungsebene ist die Ebene, auf der man Sich und den Anderen fühlt, erlebt und wahrnimmt. Wahrscheinlich kennen Sie die Situation, sie kommen in einen Raum mit Menschen, die sie vorher nie gesehen haben und sie spüren sofort, ob sie sich wohl fühlen oder nicht. Diese nonverbale Kommunikation (ohne Worte) ist intensiv und sehr tragfähig. Ich verlasse mich gerne auf diese Wahrnehmung, denn darauf zu hören gibt mir viel Sicherheit. Natürlich kommt es vor, dass sich der erste Eindruck nicht bestätigt, und ich meine innere Einstellung korrigiere, was dazu beiträgt, meine Wahrnehmung und meine Einstellung immer wieder zu überprüfen und zu hinterfragen. Der Prozess der Selbstreflexion, das heißt sich selbst immer wieder zu hinterfragen oder auch sich in Frage zu stellen, wird in dieser Form der Auseinandersetzung, gefördert. Auf der Beziehungsebene wird gespürt, was das Gegenüber im Inneren auslöst. Diese Emotionen lassen Menschen ganz unterschiedlich reagieren. Enttäuschung führt gerne dazu, sich beleidigt abzuwenden. Versagungen machen oft aggressiv, Unverständnis führt ganz oft zu ohnmächtiger Verzweiflung. Sie werden ihre Mechanismen und Reaktionen kennen. Ich möchte Sie einladen, mit Ihren Emotionen anders d.h. alternativ umzugehen. Meine Ermutigung zielt darauf ab, Ihre Emotionen anzusprechen bzw. auszusprechen und ihrem Gegenüber mitzuteilen, wie sie sich mit ihm fühlen, was es mit ihnen macht, wenn der Mensch derart mit ihnen umgeht. Emotionen zu agieren (z. B. beleidigt sein, sich entfernen, dem Gegenüber Schuldzuweisen usw..) und nicht anzusprechen, führt in der Regel zu Verwirrungen und Missverständnissen und klärt die Beziehung nicht.
Beispiel: In einer Unterhaltung, z.B. mit Freunden, sagen Sie zu einem bestimmten Thema ihre Meinung. Irgendetwas passt ihrem Partner nicht und er wird stumm. Auf dem Weg nach Hause fragen Sie ihn, ob denn irgendetwas sei, was in der Regel verneint wird. Anschließend geht jeder seine Wege und der „Betroffene“ zeigt sich nicht, sondern geht beleidigt zu Bett. Diese Form der Beziehungsgestaltung ist sehr bekannt und jeder fühlt sich unwohl. Der „Betroffene“ fühlt sich wahrscheinlich bloß gestellt oder in Frage gestellt, der „Betreffende“ hat gar keine Ahnung, das ihm das gelungen ist. Klärung ist so nicht möglich, solange der jeweils Betroffene sich nicht zeigt.

Hilfreich ist es, in diesen Situationen deutlich zu sagen, was denn derart unangenehm ist, dadurch haben die Partner die Möglichkeit sich zu erklären.

In der Erziehung ist es von enormer Bedeutung sich auf der Beziehungsebene zu bewegen. In den folgenden Kapiteln wird verdeutlicht warum. Gerne möchte ich durch Beispiele aus dem Praxisalltag die Beziehungsebene verdeutlichen und alternative Handlungskonzepte vorstellen.

Jeder kennt die Appelle an das Kind „Tu mal“, „Mach mal“, „Hol mal“ usw.
Diese Aufforderungen hören viele Kinder mehrfach am Tag und viele Eltern bekommen immer dieselbe Reaktion zu hören oder zu spüren:
Das Kind reagiert nicht oder antwortet lapidar: „Ja gleich“.
Es entsteht ein Kampf zwischen dem Elternteil und dem Kind:
„Ich habe Dir doch gerade was gesagt, kannst Du nicht hören?“, so das Elternteil. Das Kind bleibt scheinbar gelassen, antwortet stereotyp mit „Ja gleich“.
Diesen Kampf verlieren die Erwachsenen. Das Elternteil hält ähnlich stereotyp an seiner Aufforderung fest, wie das Kind ihm antwortet. Beide Parteien drehen sich in einen Machtkampf hinein. Der Erwachsene fordert auf, das Kind reagiert indem es auf sich selbst hört und nicht auf Vater oder Mutter, denn solange Eltern an dem Konzept der Appellisierung festhalten, werden Macht und Kontrolle aufrecht gehalten- und hier kontrolliert das Kind die Eltern.
Eine Veränderung kann eintreten, wenn Eltern die Beziehungsebene einführen.
Zunächst sollten Aufforderungen als Ich-Botschaften formuliert werden.
„Ich-Botschaften vermitteln etwas über sich selbst und kein Urteil über die andere Person.“
„Ich möchte, dass Du aufräumst.“, „Ich erwarte...“, „Ich wünsche...“.
Inhaltlich verändert sich nichts.
Dennoch geschieht etwas Gravierendes. Das Kind kann die Person (hier Eltern) persönlich wahrnehmen. Es fühlt sich nicht funktionalisiert Tu mal, „mach mal“ usw., sondern es spürt, dass das Gegenüber „Persönlich“ wird und nicht wertet. (Stellen Sie sich mal den Vorgang andersherum vor. Nehmen Sie mal an, der Chef möchte etwas von Ihnen und fordert sie derart auf „Müller, holen Sie bitte mal das Faxpapier!!“ Sie werden das Papier wahrscheinlich holen, aber ihr Widerstand wird enorm sein, da sie sich maximal funktionalisiert fühlen. So fühlt sich auch ihr Kind, im Widerstand.)
Richten Sie ihre Anforderung an das Kind mit einer Ich-Botschaft fällt es erstmal viel schwerer zu sagen „ja gleich“, aber darum geht es gar nicht.
Bedeutsam ist, was das Kind auf der Beziehungsebene erfährt.
Das Kind:
  • lernt den Dialog, es gibt Dich und Mich und das wechselseitig
  • erfährt, dass es legitim ist, sich etwas zu wünschen oder gar etwas für sich einzufordern
  • macht die Erfahrung für seine Wünsche argumentieren zu können.
Der Schlagabtausch kann zugunsten einer Diskussion aufgegeben werden.
Die Diskussion hat aber keinen Wert, wenn es hier abermals darum geht: „Tu bitte, was ich Dir sage“.

Beispiel: Dialog zwischen Mutter (M) und Sohn (S)

M: Ich möchte, dass Du Dein Zimmer aufräumst.
S: Ja, gleich.

Beziehungsstiftende Konfliktlösung

M: Ich habe Dich gebeten, Dein Zimmer aufzuräumen und ich habe, Dich nicht gebeten, Dein Zimmer gleich aufzuräumen.
S: Jetzt habe ich keine Zeit.
M: Wann hast Du denn Zeit?
S: In einer Stunde.
M: Dann erwarte ich, dass Du in einer Stunde Dein Zimmer aufräumst, ok?
S: Mhm
M: Ob das ok für Dich ist? Bekomme ich Dein ok?
S: ok

Hier an diesem Beispiel soll deutlich werden, dass der Sohn ernst genommen wird, die Mutter aber ihre Wünsche nicht aus dem Blick verliert.
Gleichzeitig geht es nicht mehr um Macht (RÄUM dein Zimmer auf) und Kontrolle (MMhh gleich) und darum, wer als Sieger aus der Situation hervor geht, sondern darum, warm und eindeutig Wechselseitigkeit zu erleben und eine Lösung zu finden mit der Mutter und Sohn zufrieden sind. In diesem Beispiel wird deutlich, dass es der Mutter gelingt es sich und dem anderen nicht eng zu machen. Die Mutter bleibt beharrlich, denn das Zimmer muss einfach aufgeräumt werden, der Sohn kann aber seine Bedürfnisse mit in die Diskussion einbringen und das Tempo mitbestimmen.
Ältere Jugendliche neigen gerne dazu, darauf zu verweisen, dass es doch ihr Zimmer sei und sie sich so wohl fühlen. Jugendliche möchten den Erwachsenen gerne mit dieser Haltung beeindrucken (was auch oft gelingt). Es gilt jetzt die Frage zu klären, ob dem heranwachsenden Kind dieser Spielraum eingeräumt werden kann oder wird das Zimmer als Chaoszimmer empfunden und Aufräumen ist dringend erforderlich. Dem Heranwachsenden wird mit einer Ich-Botschaft deutlich mitgeteilt, wie das Zimmer und der Zustand empfunden wird.

Mutter: „Ich finde dein Zimmer derart unsauber, das es dringend gereinigt werden muss. Die Essensreste stören mich sehr. Ich möchte, dass du dein Zimmer aufräumst und reinigst.“
Kind: Mich stört es nicht!“!!
Mutter: „Ich bin sehr verwundert, dass du dich in einer derartig unhygienischen Umgebung wohl fühlst. Ich möchte gerne verstehen, warum du lieber im „Gammel“ lebst, anstatt in einem ordentlichen Zimmer??
Kind: „Ich habe einfach keine Lust, es wegzuräumen“.
Mutter: „Ich habe den Eindruck, deine Bequemlichkeit ist dir viel Wert“.
Kind: „MMhh, ja schon“.

Zunächst entsteht der Eindruck, dass die Mutter hier nichts erreicht und das Kind ja doch nicht sein Zimmer aufräumt. Auf der Beziehungsebene fühlt das Kind, Der Mutter ist es zu unsauber und eigentlich hat sie Recht. Ich habe aber gar keine Lust aufzuräumen, der „Gammel“ stört aber doch ganz schön. Der Heranwachsende beginnt eine innere Diskussion und seine „starre“ Einstellung wird hinterfragt. Die Mutter macht es dem Kind nicht eng, sondern lässt die Verantwortung bei dem Kind. Bedeutsam ist, das sie nicht gleichgültig oder hilflos erscheint, sondern interessiert und teilnehmend.
Im Gespräch mit den Eltern höre ich, diese Haltung sei aber streng bzw. autoritär.
Dem Kind derart nachzugehen wird von dem Kind als konsequent erlebt. Der Erwachsene ist dann für das Kind eine Autorität.
„Autorität, die im Sein gründet, basiert nicht auf der Fähigkeit, bestimmte gesellschaftliche Funktionen zu erfüllen, sondern gleichermaßen auf der Persönlichkeit eines Menschen, der ein hohes Maß an Selbstverwirklichung und Integration erreicht hat. Ein solcher Mensch strahlt Autorität aus, ohne drohen, bestechen oder Befehle erteilen zu müssen; es handelt sich um ein hoch entwickeltes Individuum, das durch das, was es ist - und nicht nur, was es tut oder sagt – demonstriert, was der Mensch sein kann.“

Anschließend werde ich einen anderen Verlauf aufzeigen, der dann verdeutlicht, dass die Beziehung massiv gestört zu sein scheint.

Doch zunächst:
Sich das OK des Kindes zu holen, ist von großer Wichtigkeit. Ohne OK sollte hier die Mutter nie die Auseinandersetzung beenden, das OK wird als verbindlich empfunden und zwar von beiden Seiten.
Für die Mutter bedeutet es Sicherheit, dass das Kind es tun wird worum sie ihn gebeten hat, für das Kind bedeutet es, ich habe mein Wort gegeben und ich habe die Verantwortung für mein Tun übernommen! Des Weiteren fühlt er sich ernst genommen und das Zimmeraufräumen gewinnt an Wichtigkeit.
An dieser Stelle höre ich immer wieder, so weit denkt mein Kind aber nicht. Hier sind die Erziehenden immer völlig überrascht, wenn sie mit ihren Kindern in den Dialog gehen. Im Gespräch wird deutlich, das die Kinder das sehr wohl erledigen wollen was ihnen gesagt wird, sie aber ihre Eltern oft nicht so eindeutig erleben und dann doch lieber den bequemeren Weg wählen (Vielleicht räumt ja dann doch die Mama auf). Jeder Mensch möchte beziehungsvollen Umgang und sich in Beziehung zum Anderen erleben. Kein Mensch ist derart gleichgültig im Umgang mit seinem Gegenüber und schon gar nicht Kinder, es sei denn es liegen psychische Störungen vor, da muss dann aber auch professionelle Hilfe eingeholt werden.

Viele Faktoren spielen eine Rolle, warum das Kind sich nicht auf die Beziehung einlässt:

  1. Wie sicher sind sie sich als Mutter/Vater, ihre Botschaft an das Kind heranzutragen? Sollte nur ein Fünkchen von Unsicherheit in ihnen zu spüren sein („er tut mir ja auch leid“, „er könnte es ja auch später machen“) wird das Kind die Unsicherheit spüren und Mutter auf gewohnte Weise „belatschern“ bis die Situation kippt. Das Kind meint, es habe gewonnen, Mutter/Vater fühlt sich unterlegen.

  2. Des Weiteren sollten die Erziehungsberechtigten darauf achten, dass sie, wenn sie schon „wenn – dann“ einführen, auch konsequent das „dann“ umsetzen. Ansonsten werden sie schwach und inkonsequent vom Kind erlebt; was sie dann auch sind. Mit der Zeit verliert das Kind ganz den Respekt vor den Eltern und beginnt mehr und mehr auf sich zu hören.

  3. Die Beziehung zwischen Mutter und Kind hat schon zu viele Störungen erfahren, so dass das Kind sich nicht aufgefordert fühlt, dem Wunsch der Mutter nachzukommen. Im Gegenteil: Kinder wollen klare Eltern („ja“ – „nein“), aber nicht „vielleicht“ und keine langen Erwachsenen-Erklärungen. Da stellen alle Kinder irgendwann auf Durchzug. Was Kinder brauchen sind Eltern, die sich selber fühlen, denn dann fühlen sich die Kinder sicher. Kindern muss das Gefühl von Halt, Sicherheit und Orientierung vermittelt werden, denn dann haben sie auch Halt, Sicherheit und Orientierung. Hier geht es nicht um Moral, sondern um das, was auf der Beziehungsebene für das Kind zu spüren ist. Hat das Kind eine unsichere Mutter, wird es sich unsicher fühlen. Nun soll den Müttern kein Schuldgefühl zugesprochen werden, sondern sie sollen ermutigt werden, zu dem, was gesagt, gefordert, gewünscht wurde, auch zu stehen. Fällt schon das Fordern schwer, möchte ich die Menschen ermutigen, zu schauen, warum das schwer fällt, was dabei so große Schwierigkeiten bereitet. Die Gründe dafür sind derart vielfältig, eine Ausführung würde den Rahmen des Themas sprengen. Dennoch sollten Eltern Lust auf neue Erfahrung entwickeln und sich trauen, zu fordern, zu wünschen, auf etwas zu bestehen, denn dann hat auch das Kind klar, dass es derart mit seinem Gegenüber umgehen darf.

  4. Kinder lernen die Welt zunächst durch Nachahmung kennen. Können Eltern für sich wünschen, fordern und erwarten, vermitteln sie gleichzeitig dem Kind, dass dies eine legitime Haltung, Einstellung oder auch Charaktereigenschaft ist; genauso funktioniert es auch umgekehrt. Fällt es Eltern schwer, klar und eindeutig zu sein, sind Kinder es auch nicht und bekommen Angst. Und hier beginnt das Kind Verhaltensveränderungen zu benutzen, um auf diesen „Missstand“ hinzuweisen. Da diese Veränderungen unbewusst passieren, agiert ein Kind auch unbewusst. Es macht über sein Verhalten deutlich, was es wünscht. D.h. ist es grenzüberschreitend, laut, mag nicht hören, damit soll der Erwachsene aufmerksam gemacht werden, die Grenzen zu wahren.

    Grenzsetzungen bedeuten für das Kind „Bis hierhin und nicht weiter“, gleichzeitig erfährt es „Du wirst beschützt, Du wirst umsorgt, ich nehme mich und Dich sehr ernst!“ Kindern Grenzen aufzuzeigen hat zur Folge, dass sich auch das Kind aufgefordert fühlt, seine Grenzen deutlich zu machen. „Bis hierhin und nicht weiter“ dieser Satz ist Eltern aus Kindertagen nur zu gut bekannt. Bedauerlicherweise ist mit ihm die Haltung verbunden, dem Kind den Erwachsenwillen aufzuzwingen und den Willen des Kindes zu brechen. Es soll deutlich werden, dass mir partnerschaftlicher Umgang von Bedeutung ist. Im Dialog zwischen Kind und Erwachsenen finden intrapsychische Prozesse statt. Das Kind verinnerlicht über die Haltung der Eltern Legitimation, Akzeptanz, Toleranz und Gleichberechtigung, da es heißt „Bis hierhin und nicht weiter.“.

Wenn – Dann

Gerne werden Erziehungskonzepte angewendet, die sich immer wieder als erfolglos erweisen. Würden Unternehmen an erfolglosen Konzepten festhalten, wären sie ganz schnell abgewickelt. In Familien erlebe ich oft, daß Konzepte aufrechterhalten werden, obwohl sie zu keiner Veränderung, Integration und Entfaltung führen. Meistens erlebe ich die Eltern hilflos und zu keinem alternativen Handeln mehr fähig. Ich kann sie gut verstehen. Sie meinen es gut, sie wollen nur das „Beste“ für die Kinder, es soll ihnen doch gut gehen. Kinder verhalten sich aber nicht so wie Eltern es wünschen. Voraus geht oft, daß Eltern ihnen nicht auf der Beziehungsebene begegnen, sondern inhaltlich: „Hol mal..., laß das sein, ich habe Dir 100 mal gesagt...“ Wenn Du nicht gleich, dann.....
Ja, dann wird es schief. Eltern sind jetzt in der Falle. Sie müssen sich jetzt etwas ausdenken, womit sie das Kind bestrafen müssen. Diese Strafe muß eingehalten werden, ansonsten droht der Gesichtsverlust der Eltern. Sie lernen gut aufzupassen, das Kind ist entspannt. Dabei soll es sich doch genau umgekehrt verhalten. Die Eltern geraten immer mehr unter Druck, müssen sich drakonische Strafen ausdenken und das Kind bleibt entspannt.

Was passiert hier:
Die Eltern übernehmen permanent die Verantwortung für das Handeln des Kindes. Es sollte aber Eigenverantwortung übernehmen lernen. Diese Wenn – dann – Haltung der Eltern verhindert diesen Entwicklungsschritt. In alltäglichen Situationen wie Schuhe wegräumen, Jacke aufhängen, zum Wetter passende Kleidung anziehen, abtrocknen usw. ist es doch nicht nötig, darauf hinzuweisen, warum die Aufforderung umgesetzt werden soll. Kinder haben diese Erklärungen doch derart oft gehört, dass sie ihnen klar und selbstverständlich ist. Nach erstmaliger Ansprache erwarte ich Handlung oder einen Hinweis darauf, wann es gemacht wird. Bleibt beides aus, erwähne ich meine Aufforderung nicht noch einmal, sondern gehe auf die Beziehungsebene:

E: Ich bat Dich, die Schuhe wegzuräumen. Was hat Dich davon abgehalten?
K: Keine Zeit, mache ich gleich.
E: Gleich ist mir zu unbestimmt. Ich möchte, daß sie jetzt weggeräumt werden.
K: Ich sagte doch gleich.
E: Wie gehst Du mit mir um! Ich bitte Dich um etwas, gleich ist mir zu unbestimmt und meine Bitte bleibt hier im Raum stehen. Gehe ich auch so mit Dir um? Erlebst Du, dass ich Dich auch vertröste?

Das Kind wird danach der Aufforderung nachkommen, sofern keine tiefgreifende Beziehungsstörung vorliegt.
Ich bin mir sehr sicher, daß Kinder dieser Aufforderung nachkommen, da Kinder (und Menschen grundsätzlich) Beziehung wünschen, brauchen und existentiell darauf angewiesen sind.
Wir haben alle große Lust etwas für andere und auch für uns etwas zu tun, das fördert soziale Integration.

Wenn Kinder Aufforderungen nicht nachkommen, dann nur deshalb, weil:
  • es sich nicht lohnt zu hören, da sie sich nur funktionalisiert fühlen
  • sie doppelte Botschaften erreichen. Mutter fordert und gleichzeitig fühlt das Kind, dass Mutter ihre Forderung bedauert (das Kind tut ihr so leid).
  • sie unzuverlässige Eltern haben und diese gelebte Norm verinnerlicht haben und das Ausgesprochene nicht mehr ernst nehmen können.
Hier sollten Eltern sehr über ihre Haltung zur Erziehung reflektieren, damit sie von den Kindern eindeutig erlebt werden können.
Mit der Wenn – Dann – Haltung lernen Kinder sehr schnell Macht und Kontrolle auszuüben. Eigenverantwortung wird nicht verinnerlicht. Das Kind lernt einen Konflikt nur lange genug auszuhalten bis die Erwachsenen kapitulieren

„Kinder reagieren gar nicht mehr“

Das Kind hat seine Eltern im Beziehungsprozess dauerhaft willkürlich (Mama lügt, auf sie ist kein Verlass), uneindeutig, unklar und/oder umstimmbar erlebt.

Oft verläuft die Diskussion wie folgt:
Vater oder Mutter sagt „Nein“, das Kind bleibt dran und möchte seine Bedürfnisse durchsetzen, dabei nörgelt es ausdauernd. Aus dem ersten „Nein“ wird dann ein „Vielleicht“, hier ist der Fuß in der Tür. Das Kind setzt jetzt energischer nach. Die Bezugsperson wirkt ausweichend und antwortet mit einem „mal sehen“. Jetzt fehlt nicht mehr viel und das Kind hat die Eltern umgestimmt. Zu guter Letzt bleibt ein „Ach, mach doch was Du willst.“
Dieser Verlauf ist sowohl für die Beziehung als auch für die Entwicklung der Personen schädlich.
Die Mutter oder der Vater werden als Lügner erlebt. Das anfängliche Nein kann aufgeweicht werden, so dass nur noch ein „Ach, mach doch was Du willst.“ Übrig bleibt.
Diese feinstofflichen zwischenmenschlichen Erfahrungen prägen das Handlungsmuster des Kindes nachhaltig. Mit der Zeit wird es das „Ach, mach doch was Du willst.“ vorweg nehmen und zum Erstaunen der Erwachsenen macht es dann auch, was es will. Es ist nicht mehr ansprechbar, es hört nur noch auf sich und die Grundlage für wechselseitige Dialoge ist gänzlich verloren.
Hier ist dringend anzuraten sich professionelle Hilfe zu holen oder sogar Tageskliniken oder Kliniken zu Rate zu ziehen, damit diesen Familien wieder geholfen wird, sich in einer Art und Weise zu begegnen, wo die Eltern und das Kind sich wieder wahrgenommen fühlen.

Ansprechpartner sind:
  • Kinderärzte
  • Jugendamt
  • Erziehungsberatung
  • Wohlfahrtsverband
  • Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten
  • Ambulante Kinder- und Jugendlichenpsychiatrie
Eine tiefgreifende Beziehungsstörung liegt vor, wenn Kinder gar nicht mehr reagieren.

Beispiel: Eine alleinerziehende Mutter will mit ihrem Kind in den Urlaub, sie hat die Koffer gepackt und will los; das Kind boykottiert diese Vorhaben. Kein Appell, keine Ich-Botschaft, nichts erreicht das Kind, es verweigert sich und setzt noch einen drauf: „Ich fahre nicht mit Dir in den Urlaub. Ich mache hier gar nichts.“
In ihrer Verzweiflung rief mich die Mutter an. Ich spürte deutlich ihre Hilflosigkeit, und dass sie kein Einfluss auf ihr Kind hat. Das bedeutet, es ist schon so viel vorweg schief gelaufen in der Kommunikation, in der Beziehungsgestaltung, in der Art und Weise sich wechselseitig wahrzunehmen, dass das Kind sich mit der Mutter überhaupt nicht mehr sicher fühlt und nur noch „seinen Streifen“ durchzieht, womit sich das Kind natürlich auch überfordert fühlt. Es ist auch hilflos, verzweifelt, gänzlich überfordert und dennoch weiß es nicht anders zu reagieren als völlig auszurasten. Ich habe der Mutter geraten mit dem Kind in den Urlaub zu fahren und in einer ruhigen Minute mit dem Kind diese Situation zu besprechen. Wichtig ist dabei, dem Kind sehr deutlich zu machen wie sie sich, d.h. die Mutter in der Situation gefühlt hat. Dem Kind muss auch die Möglichkeit gegeben werden, sich zu öffnen um der Mutter mitzuteilen, wie es sich in der Situation gefühlt hat. Danach ist es bedeutsam, dass sich Mutter und Kind ihre Hilflosigkeit in der Situation bewusst werden und ´sich Hilfe holen z.B. eine Tagesklinik oder Kinder- und Jugendpsychiatrie aufsuchen. Denn diese tiefgreifende Beziehungsstörung ist nicht mit einer psychotherapeutischen Sitzung in der Woche zu schaffen, da brauchen Mutter und Kind intensivste Hilfe.

Wehrt sich das Kind körperlich und ist es so nicht mehr in den Griff zu bekommen und gibt es keine Einflussmöglichkeit mehr von keiner Person, dann kann man nur noch über das Jugendamt versuchen Einfluss zu nehmen und ist auch das nicht mehr möglich, kann man Kinder nur noch „laufen lassen“, das hört sich furchtbar an, eine Kapitulation, auch auf therapeutischer Seite. Aber wenn die Beziehung nicht mehr zu klären ist und wenn so viel schief gelaufen ist im Sinne von „Ich kann Dich nicht ernst nehmen, denn Du nimmst mich nicht ernst. Ich kann nicht auf Dich eingehen, weil ich nicht fühle, dass Du auf mich eingegangen bist. Ich kann Dich nicht wahrnehmen, ich kann Dir nicht vertrauen.“
Wenn das alles bis zum 16./17. Lebensjahr gelaufen ist, haben auch professionelle Stellen keinen Einfluss mehr auf das Kind. Das ist dann meist irreparabel evt. noch im Erwachsenenalter Einfluss möglich. Ich kenne sowohl den dramatischen als auch den wohlwollenden Verlauf. Es ist den Kindern und Jugendlichen immer zu wünschen, dass sie Beziehungserfahrungen machen, die den wohlwollenden Verlauf ermöglichen.

Mit der Darstellung der Beziehungsebene soll deutlich werden, dass Beziehungserfahrungen den Menschen prägen und ausmachen. Wir Menschen sind auf Beziehungserfahrungen angewiesen, sie sind für uns existenziell. Wenn Kinder stereotyp den Eltern „ist mir doch egal“ antworten, dann ist es ihnen überhaupt nicht egal. Sie möchten den Eltern verdeutlichen, das dass erfahrene Beziehungsangebot nicht hilfreich ist und das sie sich mehr Klarheit und Eindeutigkeit mit den Eltern wünschen. „Ist mir doch egal“ sollte sie nicht beeindrucken, sondern immer auffordern die Krise genau zu hinterfragen, um dann die Beziehung wie in diesem Kapitel beschrieben zu klären.

Termine:

Personzentrierte Elternschule

Start: 12.09.2017
Uhrzeit: 19-21 Uhr
Ort: Praxis Triangel
Dauer: 8 Termine (woechentlich)
Kosten: 250 EUR pro Person

Kursleitung:
Jutta Draht

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Sprechzeiten:
Mo. bis Fr.:
10 Min. vor der vollen Stunde
Termine nach Vereinbarung
Triangel | Psychotherapeutische Praxis für Kinder, Jugendliche und Eltern | Bahnhofstraße 25 | 45525 Hattingen | Fon 0 23 24 - 5 56 05 | Fax 0 23 24 - 766 80 80